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ein Interview von Stern

Die Frauenwelt liegt ihm zu Füßen, er selbst erfreut sich lieber an römischen Statuen: Manolo Blahnik, 62, begegnet dem Trubel um sein Schuhwerk mit Verwunderung.

Biografie

Manolo Blahnik wurde 1942 in Santa Cruz de la Palma auf den Kanarischen Inseln geboren. Sein Vater entstammte einer tschechischen Pharmazeutenfamilie, seine Mutter besaß auf La Palma eine Bananenplantage. Er studierte zunächst internationales Recht in Genf, ab 1968 dann Bühnendesign in Paris. Hier lernte er Paloma Picasso kennen, die bis heute eine enge Freundin ist. Sie stellte den begabten Kostüm- und Bühnenbildner der damaligen “US Vogue”-Chefredakteurin Diana Vreeland vor. Von Vreeland ermutigt, konzentrierte sich Blahnik fortan auf Schuh-Entwürfe. In London kreierte er zunächst Modelle für den Kult-Modemacher Ossie Clark und zählte schon bald internationale Pop-Prominenz von Mick Jagger bis Jerry Hall zu seinen Kunden. Während Blahnik in den Achtzigern und Neunzigern noch als Geheimtipp galt, sind “Manolos” mittlerweile ein exklusives Massenphänomen. Bis heute entwirft Blahnik persönlich jedes einzelne Modell – seit 1972 mehr als 11 000 verschiedene Schuhe.

Seit über 30 Jahren schafft er Kunst am Frauenfuß, ohne sich je einem Trend zu beugen: Manolo Blahnik gilt als Meister der sexy High Heels. Interview mit einem Frauenversteher.

Herr Blahnik, bitte verraten Sie uns, was Sie für Schuhe tragen.
Sie meinen jetzt, hier, in diesem Augenblick?

Ja, bitte. Haben Sie sie selbst entworfen?
Oh, nein, bestimmt nicht. Das sind belgische Leinen-Slipper, die ich vor ein paar Jahren in New York gekauft habe. Sie sind ungeheuer bequem, aber langweilig. Eben Schuhe für ältere Herrschaften.

Im Privatleben sind Sie also kein Schuhfetischist?
Und ob! Ich besitze Hunderte von Schuhen aus aller Welt – ganze Zimmer voll. Aber ich trage längst nicht alle davon. Ich liebe es, merkwürdige Schuhe zu kaufen und sie mir einfach nur anzuschauen.

Im Gegensatz zu Ihnen scheinen die meisten Männer mit wenig Schuhen auszukommen, während Frauen ständig neue “brauchen”. Woran liegt das?
Frauen lieben die Verwandlung, sie wollen sich ständig neu erfinden. In den 30er Jahren haben die Frauen sich fünfmal am Tag umgezogen! Dafür hat heute natürlich keine mehr Zeit. Aber mit einem Paar hinreißender Schuhe kann man noch immer Eroberungen machen.

Warum haben Sie Ihr Leben lang nur weibliche Füße verschönert?
Männer bevorzugen traditionelle Schuhe: Oxfords, Slipper, Turnschuhe. Da sind die Möglichkeiten begrenzt. Frauenschuhe hingegen geben mir das ganz große Hollywoodgefühl. Ich habe die Schuhe für Nicole Kidman in “Moulin Rouge” entworfen, und im nächsten Jahr statte ich den neuen Film von Sofia Coppola über Marie Antoinette aus. Das sind die Aufträge, für die ich meinen Beruf liebe!

Haben Sie noch im Überblick, wie viele Schuhe Sie seit den Siebzigern kreiert haben?
Wenn ich meinem Archiv glauben schenken darf, sind es inzwischen etwa 11 000 verschiedene Modelle.

Haben Sie die etwa alle aufbewahrt?
Ja, fast alle. Sie befinden sich in meinem Haus im englischen Bath. Kürzlich habe ich auch das Nachbarhaus dazugekauft – das ist nun auch voller Schuhe. Ein Schuh-Mausoleum! Pfui, was für ein hässliches Wort! Ich empfinde es wie einen Schuh-Himmel.

Sprechen die Manolos zu Ihnen, wenn Sie durch Ihren “Schuh-Himmel” wandern?
Nun, “Hallo, wie geht’s” hat noch keiner gesagt. Aber es stimmt schon, wir führen einen stillen Dialog. Jeder Schuh sagt mir etwas, erinnert mich an Menschen, Orte und Situationen. Wir sind auf tiefe Weise miteinander verbunden.

Ihre Schuhe besitzen also eine Seele?
Kommt drauf an, was Sie darunter verstehen. Natürlich besitzen Schuhe nichts, was mit der menschlichen Seele vergleichbar ist. Doch viele haben eine besondere Ausstrahlung. Es ist nicht wie bei Kleidern, die erst zum Ereignis werden, wenn man sie trägt. Schöne Schuhe wirken unmittelbar.

Was verraten hohe Absätze über Frauen?
Frauen, die auf hohen Absätzen durchs Leben gehen, sind sehr entscheidungsfreudige, selbstsichere Personen. Sie strahlen für mich etwas Kraftvolles, Entschlossenes aus. Hohe Hacken haben durchaus etwas mit Macht zu tun.

Und sie machen kleine Frauen größer.
Uuh, nein, das finde ich schrecklich ordinär. Wenn kleine Frauen hochhackige Schuhe tragen, womöglich noch Plateauschuhe – ein Albtraum! Ich sehe meine Schuhe an großen, dunkelhaarigen Frauen wie Claudia Cardinale.

Seit Sarah Jessica Parker in fast jeder Folge der US-Serie “Sex and the City” von ihren Schuhen schwärmte, müssen Sie in den USA auf Autogrammtour gehen, heißt es
. Ja, die Amerikaner sind ein komisches Volk. Ich meine, wie verrückt müssen Menschen sein, stundenlang vor einem Schuhgeschäft anzustehen, um sich von mir ihre High Heels signieren zu lassen? Ich fürchte mich immer ein wenig vor diesen Terminen, denn jegliche Art von Fanatismus ist mir suspekt.

Für viele Frauen sind Ihre Schuhe offenbar eine Art Obsession geworden. Manolos trägt man nicht einfach, man “lebt” sie. Ist das so?
Ich weiß es nicht. Was meine Kundinnen an meinen Entwürfen schätzen, ist die Kontinuität. Sie empfinden sie als Beruhigung innerhalb ständig wechselnder Trends und Moden. Das ist das Gute an Manolos: Sie können nicht aus der Mode kommen, denn sie sind nicht offenkundig modisch. Ich hasse die Mode, wenn sie’s genau wissen wollen.

Und trotzdem sind Ihre Schuhe ein Teil davon. Wie haben Sie es geschafft, Ihre Marke mehr als 30 Jahre zu positionieren?
Ich habe meine Marke nie positioniert. Ich könnte Ihnen noch nicht mal eine schlüssige Definition meines Stils liefern. Ich habe immer gemacht, was mir richtig erschien, und dabei die Produktion so klein gehalten, dass ich stets den Überblick behalte. Es ist pures Glück, dass den Frauen gefällt, was ich mache.

Obwohl Ihre Schuhe so teuer sind.
Sie finden sie teuer? Beleidigen Sie mich nicht! Meine Schuhe sind ihren Preis wert, denn ich lasse meine Mitarbeiter in Italien an jedem einzelnen Schuh mehrere Stunden arbeiten. Das Leder wird von Hand bearbeitet, jede Naht gezielt gesetzt. Bei bestickten Schuhen dauert es manchmal eine Woche, bis ein Paar perfekt ist. Es ist nicht einfach, hohe Schuhe herzustellen, die gleichzeitig auch bequem sind. Sie sind eine Frau, Sie müssten wissen, wie wichtig das ist.

Wie gehen Sie mit den Vorwürfen von Feministinnen um, die ihre Schuhe als Symbol der Unterdrückung sehen?
Ach ja, die Feministinnen. Glücklicherweise gibt es auch bei ihnen einen Generationenwechsel. Nehmen Sie Camille Paglia: Sie liebt Madonna, trägt High Heels und ist Feministin. Das ist heute kein Widerspruch mehr. Wenn wir von Unterdrückung sprechen, fallen mir viel eher die amerikanischen Männer ein, die auf mich zustürmen und sagen: “Ich hasse Sie für Ihre Schuhe. Meine Frau ruiniert mich mit Ihrer Manolo-Sucht.”

Die sollten doch dankbar sein, dass Sie ihre Frauen so sexy machen.
Ja, die Sorte gibt’s auch. Die sagen dann: “Danke, Herr Manolo. Wenn meine Frau Ihre Schuhe trägt, fühle ich mich wie ein richtiger Mann!”

Sie haben öffentlich bekannt, dass Sex Sie eher wenig interessiert. Wie gelingt es Ihnen dennoch, die Schuhe mit dem größten Sexappeal der Welt zu erschaffen?
Tja, wenn ich das wüsste. Für Sie mag das irritierend klingen, aber ich habe in meinem Leben einfach feststellen müssen, dass die Wirklichkeit nie wie die Statue, der Film oder das Gemälde aussieht, in das ich mich verliebe. Ich habe mein Idealbild immer eher in der Kunst gesucht, wenn Sie verstehen…

Aber eine gewisse Fuß-Fixierung werden Sie wohl nicht leugnen?
Nun, ich habe von Kindheitstagen an eine Vorliebe für römische Füße. Allerdings nur an Marmorstatuen. Im wirklichen Leben: nein, nie.

Wie oft haben Luxuskonzerne eigentlich schon versucht, Sie zu kaufen?
Ich habe aufgehört zu zählen. Aber wissen Sie, Geld reizt mich nicht. Mein größter Luxus ist es, genau das zu tun, was ich möchte. Niemand schreibt mir etwas vor, ich muss auch keine Umsatzerwartungen erfüllen. Ich liebe meine Arbeit und habe großen Erfolg damit. Mehr geht doch nicht, oder?

Gibt es gar nichts, was Ihre Zukunftsaussichten trübt?
Was mir wirklich Sorge bereitet, ist die Globalisierung im Textilbereich. Ich habe kilometerlange Containerreihen in Genua, Brindisi und Livorno gesehen – alle randvoll mit Kleidung aus China. Gleichzeitig schließen kleine Firmen aus der Toskana und verlagern ihre Produktion nach Fernost. Auf Dauer sehe ich das traditionelle Handwerk aus unserem Land schwinden.

Ein anderes Reizthema sind Plagiate. Wie schützen Sie sich vor Fälschern?
Früher hat mich die Vorstellung, dass man meine Entwürfe abkupfert, geradezu wahnsinnig gemacht. Inzwischen gehe ich etwas entspannter damit um, denn ich weiß, dass man mir vielleicht meinen Look, niemals aber meine Qualität stehlen kann. Und die ist es, die meine Kundinnen schätzen.

Haben Sie schon mal daran gedacht, Ihren Wirkungsbereich auf Taschen, Brillen oder womöglich Mode auszudehnen?
Nicht wirklich. Wenn, dann interessieren mich Möbel. Gerade entwerfe ich ein paar Aluminiumstühle, aber das ist eher ein Spleen vor mir, ein Hobby. Grundsätzlich liebe ich, was ich tue.

Vor ein paar Jahren haben Sie bereits ein Buch mit Skizzen veröffentlicht, jetzt der große Bildband – sehen Sie Ihr Lebenswerk als abgeschlossen und ziehen sich demnächst aufs Altenteil zurück?
Sie haben Recht, das neue Buch wirkt in der Tat wie ein Rückblick auf mein Leben. Aber glauben Sie mir: Ich fange gerade erst an! Die Idee dafür ist irgendwann in meiner Küche in Bath entstanden, der Fotograf Eric Boman und ich sind seit Jahren gut befreundet. Ich habe mich noch keinen einzigen Tag mit meiner Arbeit gelangweilt, mein letzter Schuh ist also noch in weiter Ferne.

Eine letzte Frage: Wovon träumen Sie nachts, Herr Blahnik?
Ich weiß, was Sie jetzt hören wollen, aber ich muss Sie enttäuschen. Meine Schuhe verfolgen mich nicht bis in den Schlaf. Ich träume oft von Bauten – Städtearchitektur interessiert mich sehr. Aber das ist ein anderes Thema.

von Mareile Grimm