Wenn Menschen über 60 in den USA erblinden, dann leiden sie zumeist an der so genannten Makuladegeneration, einem fleckförmigen Gebilde auf der Netzhaut, das das Sehzentrum angreift. Aktuelle Medikamente gegen diese Erkrankung können sie zwar verlangsamen, aber nicht heilen. Ein neuer Wirkstoff, den ein US-Unternehmen soeben den Genehmigungsbehörden vorgelegt hat, soll dies nun ändern: Er könnte gar, so hofft man, bei zahlreichen Patienten das Augenlicht wiederherstellen.

Der neue Wirkstoff stammt von Genentech aus San Francisco. Vorläufige Daten aus einer klinischen Studie entsprechen denen eines früheren Tests: 95 Prozent der Versuchspersonen, die den Wirkstoff erhielten, zeigten ein stabilisiertes oder verbessertes Sehvermögen. Bereits im ersten Test schnitt ein Drittel der Patienten, die die Höhere von zwei Dosen erhielten, bei Sehtests deutlich besser ab – viele sogar so gut, dass sie damit gar ihre Führerscheinprüfung hätten machen können.

Emily Chew, stellvertretende Direktorin für Epidemiologie und klinische Forschung beim Nationalen Augen-Institut der USA (NEI), das Teil der Nationalinstitute für Gesundheit ist, hält die Genentech- Ergebnisse für außergewöhnlich: “Wir sehen zum ersten Mal tatsächliche Verbesserungen bei der Sehkraft – und zwar in nicht geringer Zahl.”

Laut Genentech-Sprecherin Dawn Kalmar hat das Unternehmen die Genehmigungsbehörden nun um ein Schnellverfahren gebeten, das in sechs statt zehn Monaten prüfen soll, ob der Wirkstoff zugelassen werden kann. Bis dahin will Genentech zur Überbrückung eine weitere Studie durchführen, in der 5000 Betroffene den Wirkstoff erhalten sollen – an mehr als 100 Standorten in den ganzen USA.

Das neue Medikament wird Lucentis heißen. Es blockiert das Wachstum neuer Blutgefäße, die Blut und andere Flüssigkeiten in die Netzhaut abgeben können, die das Augenlicht trüben. In der selteneren, schwerwiegenden Form der Makuladegeneration, der so genannten “feuchten” Variante, kommt es dabei zum Verlust des Sehvermögens. Lucentis ist eine veränderte Form eines weiteren Medikaments von Genentech, das sich Avastin nennt. Dabei handelt es sich um monoklonale Antikörper, die sich an ein Protein binden, das die so genannte Angiogenese, also das Wachstum unerwünschter neuer Blutgefäße, stimuliert. Avastin ist laut Genentech das erste Anti-Angiogenese-Medikament, das für die Krebsbekämpfung zugelassen wurde. Lucentis besteht aus einer Variante eines damit verwandten Antikörper-Moleküls, das derart verkürzt wurde, dass es die Retina durchdringen kann.

Obwohl Avastin von den US-Genehmigungsbehörden nicht für die Behandlung der Makuladegeneration zugelassen ist, wurde es von vielen Augenärzten bereits an Patienten verwendet, wie Chew vom NEI sagt. “Viele glauben daran, obwohl es andererseits noch nicht genügend Informationen zur Toxizität und tatsächlichen Wirksamkeit gibt. Es gibt daher Versuche, eine Studie aufzusetzen, ob Avastin wirklich effektiv ist.”

Der tatsächliche Auslöser der Makuladegeneration ist bislang nicht bekannt, Medikamente gibt es kaum. Ende 2004 wurde Macugen vom New Yorker Unternehmen Eyetech zugelassen. Es blockiert zwar das Wachstum der unerwünschten Blutgefäße, verbessert die Sehkraft aber nicht. Neue Studien sollen nun Medikamente wie Lucentis mit der so genannten fotodynamischen Therapie kombinieren, bei der ein Laser einen Wirkstoff aktiviert, der neue Blutgefäße zerstört.

Lucentis hat einen Nachteil: Das Medikament muss einmal im Monat direkt in das Auge injiziert werden. Tests sollen nun abklären, ob auch eine weniger häufige Behandlung ausreicht. Die aktuelle Lucentis-Version gilt jedoch erst einmal als großer Durchbruch. Waren frühere Behandlungsformen laut Chew “besser als nichts”, würden die Ergebnisse von Lucentis nun allgemein “mit Begeisterung” aufgenommen.

Von Kevin Bullis; Übersetzung: Ben Schwan.

…gefunden auf Technology Review